John F. Kennedys Irlandreise 1963

Die Europareise John F. Kennedys im Sommer 1963 ist vorrangig durch seinen Besuch in West-Berlin und seine Worte »Ich bin ein Berliner« im kollektiven Gedächtnis der Deutschen verankert. Neben dieser angesichts des Kalten Krieges politisch notwendigen Reise stand auch ein Besuch der Republik Irland an, welcher zumindest im deutschen Raum geschichtlich häufig vernachlässigt wird.

Kennedy hatte eine persönliche Verbindung zu Irland. Denn obwohl er in den USA die bestmögliche Ausbildung erhielt und der Oberschicht entstammte, war er der Urenkel irisch-katholischer Auswanderer, die ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zu Millionen in die USA gekommen waren. Trotz dieser Ausgangslage erarbeiteten sich seine Großväter über politische Ämter gesellschaftlichen Einfluss. Und sein Vater Joseph, Sr. nutzte diese neuen Möglichkeiten, um das Familienvermögen beträchtlich zu vergrößern. Aus diesem Grund hatte Kennedys gutbürgerliche Sozialisation letztendlich keine Gemeinsamkeiten mit der seiner irischen Vorfahren.

Die große persönliche Bedeutung der viertägigen Irlandreise für Kennedy stand im deutlichen Gegensatz zu ihrem politischen Nutzen. So genoss er unter den irisch-stämmigen Amerikanern bereits enorme Popularität und hatte ihre Stimmen sicher. Auch geopolitisch war Irland unbedeutend, da es ein kleines, landwirtschaftlich geprägtes Land war, welches weitgehend neutral zur NATO und zum Kampf gegen den Kommunismus blieb. Trotz dieses Blockfreien-Status Irlands und dem Widerstand mancher Berater, die den Besuch Irlands aufgrund der dominierenden innen- und außenpolitischen Spannungen als sinnlosen Urlaub ansahen, bestand Kennedy darauf. Neben sentimentalen Gründen verteidigte er seine Entscheidung auch damit, dass die Unterstützung kleiner Länder im Kalten Krieg wichtig sei.

Von der Hoffnung, die Irlandreise würde »as pleasant as possible« werden, musste sich Kennedy schnell verabschieden. Der eng getaktete Zeitplan sah vor, dass er in jeder größeren Stadt vor Menschenmengen sprach. Schon am Flughafen erwartete ihn der Präsident Eamon de Valera. Überall wo Kennedy auftauchte, zeigte sich der Enthusiasmus von bis zu hunderttausenden feiernden Menschen am Straßenrand. Viele waren stolz auf ihn. Zwar war Kennedy nicht der erste US-Präsident mit irischen Wurzeln, doch zumindest war er der erste katholische Präsident sowie zeitgleich der erste US-Präsident, der während der Ausübung seiner Amtszeit Irland besuchte. Kennedy bewies auch Volksnähe, indem er sich im Haus seiner irischen Vorfahren mit der in Irland lebenden Verwandtschaft traf.

Den bleibendsten Eindruck hinterließ jedoch Kennedys Rede vor dem irischen Parlament. In dieser thematisierte er sein irisches Erbe, die amerikanisch-irischen Verbindungen, den wirtschaftlichen Fortschritt Irlands, die irische Freiheitsliebe und ihre Tapferkeit im Amerikanischen Bürgerkrieg. Auch würdigte er die weltweite Bedeutung der irischen Kultur, als er schmeichelhaft festhielt: »No larger nation did more to keep Christianity and Western culture alive in their darkest centuries. No larger nation did more to spark the cause of independence in America, indeed, around the world. And no larger nation has ever provided the world with more literary and artistic genius.« Kennedy wollte Irland stärker in die westliche Welt einbinden und es auf der amerikanischen Seite wissen. Deshalb lehnte er die Deutung ab, dass Irland im Kalten Krieg unwichtig sei und betonte stattdessen die immense außenpolitische Bedeutung kleinerer Nationen im Kampf für die Freiheit und gegen die Tyrannei.

Im Anschluss wurden Kennedy der Ehrendoktortitel des Trinity College Dublin sowie der National University of Ireland verliehen. Bei der Abreise versprach er schließlich, nach Irland zurückzukommen. Als Erinnerung an die Irlandreise ließ seine Frau Jackie später sogar einen Siegelring mit seinem irischen Familienwappen herstellen.

Zurück in den USA, beschrieb Kennedy die Irlandreise gegenüber einer Irin euphorisch als »definitely the highlight of my trip [to Europe]«. Auch sein Berater und Biograf Ted Sorensen nannte die Reise eines der bewegendsten Erlebnisse in Kennedys Leben. Während Kennedys Interesse an Irland zuvor hauptsächlich literarischer Natur war, hatte er nun die irische Identität verinnerlicht.
   
So zeigt sich, dass Kennedy 1963 auf persönlichen Wunsch eine vermeintlich sinnlose Irlandreise durchsetzte. Obwohl seine Familie bereits vor über einem Jahrhundert emigriert war, interessierte er sich für die Heimat seiner Vorfahren. Im Zuge der Reise wuchs die Verbundenheit zu Irland stark. Gleichzeitig profitierte auch Irland von Kennedy. Indem er die Modernisierung würdigte, gab er der Nation neues Selbstbewusstsein. Republikaner wie Präsident De Valera hofften zudem, dass Kennedy seinen Einfluss nutzen würde, um Großbritannien davon zu überzeugen, dass die politische Teilung Irlands aufgehoben werden müsste. Insofern dürfen der emotionale Wert der Reise für Kennedy sowie ihr politischer Wert für die nach Identität suchende Republik Irland nicht unterschätzt werden.

 

Tim Vespermann

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